Brüssel, European Policy Centre (EPC). Dass junge Menschen, die in lokalen Jugendgruppen und internationalen Begegnungen aktiv sind, ihre Forderungen mit Vertreter*innen der EU-Kommission, des Europaparlaments und großer Dachverbände diskutieren, passiert viel zu selten. Beim Roundtable „Young Voices for Youth Work“ haben Jugendliche aus neun europäischen Ländern jetzt den Entwurf für ein Policy Paper mit Empfehlungen für die europäische Jugendpolitik vorgelegt. Und das mit großer Dringlichkeit – denn die Strukturen, die ihnen wichtig sind, sind in Gefahr.
Der Zeitpunkt für den Vorstoß war bewusst gewählt. Aktuell laufen in Brüssel die Vorbereitungen für die nächste Erasmus+ Programmgeneration und die Verhandlungen über den künftigen mehrjährigen Finanzrahmen der EU. In dieser strategisch wichtigen Phase melden sich jetzt diejenigen zu Wort, die die Auswirkungen europäischer und nationaler Jugendpolitik in der Praxis erleben: Aktive Jugendliche aus dem Netzwerk von Generation Europe – The Academy.
Wenn die Basis bröckelt: Warum Jugendliche sich einmischen
Die jungen Autor*innen aus Finnland, Deutschland, Ungarn, Italien, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien und der Ukraine sind keine Lobbyist*innen aus der Brüsseler Bubble. Sie sind an der Basis aktiv. Sie erleben vor Ort, wie Jugendzentren um jeden Euro kämpfen müssen, wie engagierte Jugendarbeiter*innen aufgrund von Burnout ausfallen und wie bürokratische Hürden verhindern, dass ihre Freund*innen an internationalen Projekten teilnehmen können.
Diese praktischen Erfahrungen waren Ausgangspunkt für einen mehrmonatigen Arbeitsprozess: Die jungen Menschen wollten nicht länger mit ansehen, wie die Orte der Jugendarbeit weiter unter Druck geraten – Orte, an denen sie sich gestärkt fühlen und Demokratie nicht nur lernen, sondern auch leben. Für sie ist Jugendarbeit nicht nur eine Generalprobe für die Zukunft, sondern ein zentraler Ort der sozialen Teilhabe im Hier und Jetzt.
Begleitet von einem Fachkräfte-Team der partizipativen Jugendarbeit beim IBB e.V. hat die internationale Gruppe analysiert, welche Hürden es für ihr Engagement gibt. Sie haben Interviews geführt, recherchiert und Umfragen ausgewertet. Das Ergebnis ist der Entwurf ihres Policy Papers „Young Voices for Youth Work“. Das Dokument macht unmissverständlich klar: Die europäische Jugendarbeit leidet unter systemischen Problemen, die ihre Existenz und damit auch ihre Rolle als Grundpfeiler für gesellschaftliche Teilhabe und Demokratie gefährden.
Prekäre Finanzierung gefährdet Demokratieförderung
Ein zentrales Thema der Diskussion in Brüssel war die dauerhafte Unsicherheit, in der viele Träger der Jugendarbeit operieren müssen. Die Jugendlichen berichteten eindringlich, welche Folgen es hat, wenn Organisationen fast ausschließlich mit kurzfristigen, projektbezogenen Mitteln arbeiten müssen, und auch die europäischen Programme zu wenig Verantwortung für die nachhaltige Absicherung der Organisationen übernehmen, die die europäischen Projekte entwickeln und umsetzen sollen.
Die Botschaft der jungen Expert*innen war deutlich: Es reicht nicht, in Sonntagsreden die Bedeutung der Jugend für die Demokratie zu beschwören, wenn die Organisationen, die diese Arbeit leisten, nicht wissen, wie sie im nächsten Jahr ihre laufenden Kosten bezahlen sollen. Besonders kleine Basisinitiativen drohen in der Bürokratie zu ersticken. Die Jugendlichen forderten daher einen Systemwechsel in den kommenden EU-Förderprogrammen: Weg von der reinen „Projektitis“, hin zu einer nachhaltigen Strukturförderung und Betriebskostenzuschüssen (Operating Grants) als verlässlichem Bestandteil von Programmen wie Erasmus+. Nur so lasse sich der Verlust von erfahrenen Fachkräften stoppen, Nachwuchs im Arbeitsfeld halten und Planungssicherheit schaffen.
28 konkrete Antworten auf die Krise
Insgesamt haben die Jugendlichen in ihrem Policy Paper 28 konkrete Empfehlungen erarbeitet, um die identifizierten Missstände zu beheben. Neben Vorschlägen für eine nachhaltigere Finanzierung diskutierten sie beim Roundtable unter anderem diese Punkte:
- Anerkennung von Jugendarbeit als Beruf: Jugendarbeit ist kein bloßes Ehrenamt, sondern professionelle pädagogische Arbeit. Die Anerkennung des Arbeitsfelds ist in Europa sehr unterschiedlich ausgeprägt, und es fehlen einheitliche gute Rahmenbedingungen. Die Autor*innen fordern klare Berufsstandards und Karrierewege, um dem massiven Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
- Echte Inklusion statt Lippenbekenntnisse: Der Zugang zu internationalen Projekten ist oft noch immer exklusiv. Die Jugendlichen mahnen den Abbau finanzieller und bürokratischer Hürden ein EU-weites Monitoring und konkrete Maßnahmen an, damit mehr junge Menschen aus ländlichen Räumen und mit benachteiligten Hintergründen teilhaben können – und nicht nur die, die bereits jetzt erreicht werden.
- Mentale Gesundheit: In einer Zeit der multiplen Krisen ist die psychische Belastung junger Menschen enorm gestiegen. Die Jugendlichen fordern, Jugendarbeit als geschützten Raum für das psychische Wohlbefinden massiv zu stärken und Fachkräfte entsprechend zu qualifizieren.
Sneak Preview: Die Forderungen im Detail
Das vollständige Policy Paper mit allen Analysen soll im Januar 2026 veröffentlicht werden. Um die Inhalte schon jetzt in die Debatte zu bringen, haben die Jugendlichen ihre Kernforderungen in einer Übersicht zusammengefasst. Wer verstehen will, was sich ihrer Meinung nach in der europäischen Jugendarbeit ändern muss, findet die 28 zentralen Punkte in folgender Präsentation:

Gemeinsam für starke Strukturen
Der Roundtable wurde organisiert vom IBB e.V. in Kooperation mit dem European Policy Centre (EPC), unterstützt durch die Alliance of Youth Workers Associations (AYWA) und Europe Goes Local, der europäischen Kooperationsplattform für Qualitätsentwicklung in der lokalen Jugendarbeit. Diese breite Allianz unterstreicht, dass die Anliegen der Jugendlichen von wichtigen Akteuren im Feld geteilt und unterstützt werden.
So geht es weiter
Das Feedback der anwesenden Stakeholder*innen – darunter Vertreter*innen des European Youth Forum, Youth For Understanding und europäischer Institutionen – nutzen die Jugendlichen nun, um ihr Paper zu finalisieren. Nach der offiziellen Veröffentlichung im neuen Jahr geht die Arbeit weiter: Die Forderungen sollen gezielt in die politischen Debatten auf nationaler und europäischer Ebene eingespeist werden, um die Chancen auf strukturelle Verbesserungen für das Arbeitsfeld zu erhöhen. Der IBB e.V. und die jungen Autor*innen laden alle Interessierten aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und anderen Teilen der Zivilgesellschaft ein, diesen Prozess zu unterstützen! Wer Ideen hat, wo die Ergebnisse präsentiert werden können, oder wer bei der Verbreitung helfen möchte, kann sich gerne unter generationeurope@ibb-d.de melden.
